GOSHKA MACUGA

Now this, is this the end … the end of the beginning or the beginning of the end?

PART ONE:
June 3rd – June 29th
Open Thursday – Sunday, 12-6pm

PART TWO:
OPENING: July 8th
July 9th – September 18th

Durch die Anregung des Völkerbundes und dem diesen in Paris angegliederten Internationalen Institut für geistige Zusammenarbeit, entstand 1932 ein Briefwechsel zwischen Albert Einstein und Sigmund Freud über die Frage des Krieges. Die Führung des Gespräches basierte auf der Idee, zwei Personen in freiem Meinungsaustausch miteinander zu verbinden, um ein frei gewähltes Problem zu erörtern. Einstein, an den diese Idee neben weiteren Wissenschaftlern, Forschern, Künstlern sowie kulturell Agierenden heran getragen wurde, wandte sich hierbei an Freud mit der existenzialistischen Frage: „Gibt es einen Weg, die Menschen von dem Verhängnis des Krieges zu befreien?“1

Das Modell des Gedankenaustausches zwischen Albert Einstein und Sigmund Freud ist zu einem Vorbild geworden für Goshka Macugas Installation „International Institute of Intellectual Co-operation“ (2016). Sie beide sind auch Teil der plastischen Nachbildungen von Köpfen von WissenschaftlerInnen, TheoretikerInnen und AktivistInnen aus Politik, Biologie, Mathematik oder Philosophie, die Macuga durch Metallstäbe als freistehende Bronze-Skulpturen wie in einem molekularen Konversationscluster zusammen gebracht hat. Ihre raumgreifende Anordnung steht dabei in Bezug zum Grundriss des Schinkel Pavillons. Die anhand der Portraits symbolisch präsentierten Visionen und Ideen manifestieren sich abstrakt als diskursive Körper im Raum, aber sie fordern auch vis-à-vis eine Positionierung zwischen Betrachter, Objekt und der dem Abbild eingeschriebenen Haltung. So sind u.a. der Kosmonaut Yuri Gagarin, die Mathematikerin Ada Lovelace, der Forscher Darwin, die Aktivistinnen Guerilla Girls oder der Theoretiker Slavoj Zizek in einem stummen, aber räumlich konkreten Dialog miteinander verbunden. Der Gedanke der durch Architektur umfassten Ideen – Versammlung, wie auch die Verknüpfung von Denken, Raum und Wissen führt in Macugas Installation zurück auf frühe rhetorische Techniken, wie sie bereits in der Antike oder der Renaissance (z.B. durch Robert Fludd oder Giordano Bruno in Rückgriff auf Ramon Llull) als Form der Ars memoriae (Mnemotechnik/Art of memory) praktiziert wurden, mit dem Ziel: Wissen und Erinnerung durch Sprache, Raum und Bildhaftigkeit zu verorten.

Im Vordergrund der künstlerischen Arbeit von Goshka Macuga (*1967 in Warschau,lebt und arbeitet in London) steht so die Wissensgenerierung durch Sprache, Rhetorik und dem intellektuellen Austausch als Werkzeug für menschliche Erkenntnis – und daran anschließend ihre Organisation, Bewahrung, Entwicklung, Bedienbarkeit, ihr Gebrauch sowie ihr Verlust. Insbesondere die Überwindung des menschlichen Körpers durch die Arbeit an künstlichem Gedächtnis und künstlicher Intelligenz ist eine Thematik, welche die Künstlerin in ihrer Einzel- Ausstellung in zwei Teilen im Schinkel Pavillon in Berlin verhandelt und zur Diskussion stellt. Der erste Teil der Ausstellung „Now this, is this the end…the end of the beginning or the beginning of the end? (part 1)“ impliziert neben Überlegungen zu Anfang und Ende auch den Verlauf von Zeit als Faktor wie auch als Substanz im Zuge des Entstehens von Wissen und Wissenstechniken.

Für die Installation „Before the Beginning and After the End, Beginning“ (2016), im Untergeschoss des Schinkel Pavillons in der Schinkel-Klause präsentiert, hat Goshka Macuga mit dem Künstler Patrick Tresset kollaboriert. So sind auf einer Papierrolle auf einem langen Industrie-Tisch Kugelschreiber-Zeichnungen eines von Tresset entwickelten Roboters, dem System „Paul-n“, zu sehen. Sie zeigen in ihrem Verlauf die Entwicklung des Lebens, beginnend mit Materie und planetaren Konstellationen, entlang der Herausbildung von Pflanzen und Tieren sowie der Evolution des Menschen, hin zu Formen des Glaubens, der Wissensgenerierung und der Sicherung von Ideen und Daten: Von Big Bang über Adam und Eva hin zum Jetzt. Die in den Zeichnungen abgebildeten Thematiken stehen in Bezug zu den Theoretikern der im Oktagon gezeigten Skulpturen. Mehr noch werden sie ergänzt durch eine Auswahl an Arbeiten von Künstlerkollegen, und stellen der vom Roboter kalkulierten Zeichnungen menschliche Artefakte anbei.

So erscheinen das Nest von Björn Braun „Untitled (Zebrafinkennest)“ (2015) oder die Knochen „These are Our Bones, Grown then Cloaked” (2012) einer Arbeit von David Thorpe nahezu als Relikte in Gegenüberstellung zur robotischen Aufzeichnungstechnik. Jonathan Monks Kette aus Goldringen – „Almost everything in the world is connected“ (2006) – nimmt wiederum symbolisch Bezug zur Kette als verknüpfendem Element auf: Gedanken als eine Kette aus einzelnen, doch miteinander verbundenen Gliedern (be)greifend.

1 Albert Einstein, Siegmund Freud: Warum Krieg?, Zürich 1972, S. 15.

Text: Christina Irrgang

 

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Galerie Rüdiger Schöttle